An Eichenzweigen und am Stamm - Der Eichenprozessionsspinner

Eichenprozessionsspinner (Thaumetopoea processionea L.)

Das Hauptverbreitungsgebiet liegt in Zentral - und Südeuropa. Die Art neigt zu eng begrenzten, regionalen Massenvermehrungen (Gradationen), die sich über
mehrere Jahre hinziehen. Starke Gradationen sind aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich und auch aus Deutschland bekannt.
Bei Massenvermehrungen kommt es an Eichenarten zu sehr starkem Blattfraß, der zu
weitgehender Vernichtung der Vegetationsmasse, zur zeitweiligen Entlaubung, führt. Neben Quercus robur werden auch Q. petraea und Q. rubra, möglicherweise auch weitere Eichenarten befallen. Nach bisherigen Erfahrungen aus dem Befallsgebiet werden die dort besetzten alten Bäume jedoch nicht nachhaltig geschädigt. Sie treiben in der Regel noch im selben Jahr wieder aus. Im nächsten Jahr ist kein Folgeschaden erkennbar, wenn nicht weitere Stressfaktoren zu einer Vitalitätsreduzierung der Bäume führen. Besonders betroffen vom Kahlfraß sind Großbäume in Alleen, in Angerbepflanzungen, an Waldrändern, im Schadgebiet aber auch zunehmend Eichenjungpflanzungen. Die Befallsintensität nimmt mit zunehmender Bestandsdichte ab.

Probleme entstehen durch die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung und
möglicherweise auch von Haustieren. Die in der Nähe der Bäume in der Luft enthaltenen
Haare der Raupen, reizen die menschliche Haut mechanisch und bio-chemisch; sie können zu starken Entzündungen (Ekzemen) und allergischen Reaktionen (Urticaria) führen. Sowohl gelegentliche Passanten, im Kronentraufbereich großer Bäume sich aufhaltende Anwohner, als auch unter, an und auf den Bäumen längere Zeit tätige Arbeitskräfte von Landschaftspflegebetrieben gehören zu den regelmäßig betroffenen Personen. Die Empfindlichkeit und Reaktionsintensität der betroffenen nimmt mit der Anzahl der Einzelkontakte zu.
Eine mehrere Jahre anhaltende Anreicherung der Umgebung, besonders des
Bodenbewuchses und der Bodenstreu, mit den Brennhaaren ist möglich. Die Gespinstballen enthalten lang anhaltend hohe Konzentrationen an Brennhaaren besonders in den enthaltenen Häutungsresten. Durch Aufwirbelungen des Falllaubes kommt es besonders in den Frühjahrsmonaten zur Massenfreisetzung der allergenen Haare.

Der Falter hat eine Spannweite von 25 ... 32 Millimeter. Die Vorderflügel sind braungrau mit unscharfen dunklen und hellen Querbinden. Die Hinterflügel sind gelblich-grau mit einer undeutlichen dunklen Querlinie. Die Weibchen tragen am Hinterleibsende braungelbe Afterwolle.

Der Falterflug beginnt Ende Juli und hält bis in den September an. Die Hauptflugaktivität
reicht vom späten Nachmittag bis in die Abendstunden.Die Weibchen legen ihren gesamten Eivorrat - bis zu 300 Stück - innerhalb weniger Tage ab. Sie werden zu je 100 bis 200 Stück als Eiplatten in Reihen an dünne, ein- bis dreijährige Zweige geheftet, bevorzugt auf der Südseite der Bäume im obersten Kronenbereich. In der Regel werden 6 bis 7 Reihen zu jeweils 20 bis 30 Eiern zum Gelege vereint. Die Eiablagen erhalten durch eine braune Kittmasse eine Schutzfärbung. Die ab Mitte April schlüpfenden Raupen leben gesellig. Ihre Entwicklung umfasst sechs Stadien. Sie sind zunächst grau und zeigen später eine breite dunkle Rückenlinie. Auf den ersten bis achten Hinterleibsegmenten liegen rötlich-braune, samtartig behaarte Felder, die sogenannten Spiegel. Jedes Segment trägt zehn langbehaarte Warzen. Die Unterseite der Raupen ist grünlich-hellgrau, die Seiten graublau.

Die Masse der Brennhaare, Harpunenspitzen ähnliche, mikroskopisch kleine, spitze
Ampullen mit einem Nesselgift, bildet sich erst im dritten Entwicklungsstadium. Sie nehmen im Laufe des Larvenwachstums an Länge zu. Anhand von Schlupf-, Haltungs- und Zuchtversuchen ist jedoch bekannt, dass bereits die ersten Raupenstadien Brennhaare besitzen, die nach intensivem Kontakt mit den Tieren oder bei hoher Sensibilität bei Menschen zur allergischen Reaktion führen.
Die jungen Raupen fressen zunächst an den schwellenden oder austreibenden Knospen.
Sobald sich die Blätter entfalten, kommt es zum Lochfraß, dem bis Anfang/Mitte Juli die
Blattmasse des Baumes zum Opfer fällt. Eine Raupe frisst im Durchschnitt während ihrer
gesamten Entwicklung sieben bis acht Eichenblätter.
Bis zum dritten Larvenstadium leben die Raupen an locker zusammengesponnenen Blättern oder Zweigen, ohne ein eigentliches Nest zu spinnen. Die typischen Nester am Stamm oder in den Astgabelungen entstehen erst mit dem fünften Larvenstadium und liegen meist tiefer als die Gespinste junger Raupen. Die Gespinstnester können bis zu einem Meter lang werden. Sie sind am Grunde mit Kot angefüllt.
Die Raupen begeben sich zu bestimmten Tageszeiten von ihren Sammelplätzen oder den
Nestern aus in Prozessionen auf Nahrungssuche. Die Jungraupen ziehen noch einzeln
hintereinander her, die älteren bilden Züge von 20 bis 30 nebeneinander wandernden Raupen, im Extremfall bis 50 Zentimeter breit, und einer Länge von mehr als zehn Metern. Die Verpuppung erfolgt in dicht aneinandergedrängten Kokons im Nest, nicht im oder am Boden. Die Kokons sind tönnchenförmig, gelb oder rotbraun gefärbt, die Puppen ockergelb bis braun. Zum Zeitpunkt der Verpuppung erscheinen die Gespinstnester als große, feste Gebilde aus den Spinnfäden der Raupen, Raupenkot, Häutungsresten der Präpuppen und Puppen. Sie haften an den starken Ästen und Stämmen der befallenen Bäume und bleiben bis zu einem Jahr erhalten, können jedoch auch vom Baum gelöst im Kronentraufbereich als schwammähnlich, braune Klumpen liegen.

Typisch für den Eichenprozessionsspinner ist, dass im Laufe der aufeinander folgenden Jahre der Befall ohne gravierenden Standortwechsel nachweisbar ist, die Population jedoch von Jahr zu Jahr "wandert". Die bisher registrierten schnellen Zusammenbrüche der Population nach wenigen Jahren traten in der Gradation der 90er Jahre im Land Brandenburg bis zum Frühjahr 2002 nicht ein.

Aus phytopathologischer Sicht kann eine Gefahr für den Baumbestand weitgehend
ausgeschlossen werden. Bei einer Bekämpfungsentscheidung wird also vorwiegend von der gesundheitlichen Belastung für den Menschen an Standorten mit starkem Personenverkehr oder dichter Besiedlung ausgegangen werden. Der Eichenprozessionsspinnerraupen werden von natürlichen Feinden dezimiert. Zu ihnen
gehören die Puppenräuberarten Calosoma sycophanta und Calosoma inquisitor und der Vierpunktaaskäfer Xylodrepa quadripunctata, ferner einige Raubwanzenarten und unter den Vögeln Meisen, Star und der Kuckuck sowie ungefähr 30 Arten von Ei-, Raupen- und Puppenparasiten, vor allem Raupenfliegen und parasitäre Wespen.
Fledermäuse und Tag- und Nachtgreifvögel fressen die schwärmenden Falter.
Die Förderung, Erhaltung und Schonung dieser natürlichen Regulatoren stellt die wichtigste Pflanzenschutzmaßnahme dar.

Die Einschätzung der Fraßintensität der Raupen, der "Prozessions-Aktivität" und die
Erfassung der auffälligen Gespinstballen an den Stämmen geben ungefähre Hinweise auf den in der Folgegeneration zu erwartenden Befallsdruck. Eine prognostische Einschätzung des zu erwartenden Schadens ist sehr schwierig, da die Eiablagen für die kommende Vegetationsperiode ohne aufwändige technische Hilfsmittel unerreichbar sind. Hierzu ist die Entnahme von Triebspitzenproben aus dem obersten Kronenbereich während der winterlichen Ruhe bis spätestens Ende März erforderlich. Am sinnvollsten ist die Sammlung von 1-m-Spitzen, die je Aussageeinheit (Gesamtbestand, Teilbestand oder Einzelbaum) zu Sammelproben von 10 laufenden Metern zusammengestellt werden. Als Richtwert für den Schluss auf einen anzunehmenden Kahlfraß kann der durchschnittliche Besatz mit mindestens einem großen Eigelege je 10 laufende Meter Triebspitze gelten.
Nicht unerheblich ist die weiter führende Untersuchung der Eigelege betreffs Eizahl,
Schlupfrate und Dauer der Schlupfperiode. Während die Eizahl der Gelege relativ stark
schwanken kann, liegt die Schlupfrate ziemlich stabil bei ca. 80 %.
Die Raupen räumen die Gelege sehr schnell, innerhalb von 5 bis 8 Tagen. Vor allem das aktuelle Verhältnis der Daten des Schlupfbeginns, des Austriebes der Eichen und des Fraßbeginns zueinander sowie die meteorologischen Bedingungen in dieser Periode spielen für die Einschätzung zur Notwendigkeit einer Gegenmaßnahme eine große Rolle. In Jahren mit zeitigem Schlupfbeginn und verzögertem Austrieb der Eichen, z.B. durch eine folgende Niedrig-Temperatur-Periode, ist zu erwarten, dass die Eiraupen verhungern.
Achtung: Da der Befall in der Regel außerhalb gärtnerisch, landwirtschaftlich oder
forstwirtschaftlich genutzter Flächen auftritt, sind Anträge zur Ausnahmegenehmigung
gemäß § 6 (3) des Pflanzenschutzgesetzes bei der für den Pflanzenschutz zuständigen
Behörde erforderlich, die rechtzeitig vor der Bekämpfung gestellt werden müssen.

 
Die Haare verleihen den Raupen ihr charakteristisches Aussehen.
Die Prozessionsspinner wandern im Gänsemarsch
Den Namen Prozessionsspinner verdanken die Tiere ihrer Gewohnheit, in der Nacht aus ihren Nestern in die Baumkrone zu "prozessieren" um sich dort von den Blättern zu ernähren.

Die Giftpfeile machen Probleme

Nest in den Bäumen, auch Larvenhäutungen sind noch mit den Gifthaaren besetzt.